#16 | 5 Empfehlungen zur Meidung der Nervung durch Häufung der Nutzung von Substantivierungen

Vielen ist bewusst: Substantivierungen bzw. Nominalstil machen einen Text förmlicher. Manche Verfasser scheinen zu glauben, dies verleihe ihrem Text automatisch mehr Gewicht und Eindruck.

Was aber vielen nicht bewusst ist: Oft bewirkt die Zu-viel-Verwendung bzw. Zu-oft-Nutzung von Substantivierungen die Verkomplizierung der Erfassung der ausgedrückten Meinung und in der Folge die Verstimmung der angesprochenen Leserschaft — und damit verheerenderweise das genaue Gegenteil des eigentlich Gewollten.

Nachfolgend 5 Gründe, weshalb Verfasser von Texten Nominalstil bzw. Substantivierungen zurückhaltend einsetzen sollten:

1 | Verleitung zur Ross-und-Reiter-Nicht-Nennung

Ein Standardproblem übertriebenen Nominal-/Substantivierungs-Stils:
— Er verleitet dazu, wichtige Details nicht zu benennen;
— dadurch lässt die Aussage den Leser oftmals fragend zurück (nämlich wenn sich der Bezug nicht ohne Weiteres, und zwar eindeutig, aus dem Vorausgehenden ergibt):
Zur Begründung der Meinung wird die Argumentation angeführt, dass …

–> Zur Begründung der Meinung
[Frage #1: welcher?] [#2: wessen?]

wird [#3: von wem?] die Argumentation angeführt, dass …

[Antwort/Info #2]
X und Y vertreten

— [Antwort/Info #1]
die Meinung, dass …;

— [Antwort/Info #3]
sie [sowie Z] begründen dies damit, …

2 | Das Oft-mehrdeutig-Sein des Nominalstils

Ein weiteres zentrales Problem des Nominalstils:
— Er verleitet zu vagen und nicht selten mehrdeutigen Aussagen;
— egal, ob der Verfasser dies a) gerade will, b) nur in Kauf nimmt oder aber c) schlicht übersieht:
Der Leser merkt’s — und ist verstimmt.
Wir beide sollten die noch offene Frage seiner Einladung kurzfristig erörtern.

Schon dieser kurze Satz kann eine Vielzahl (ganz unterschiedlicher!) Bedeutungen haben:

1 | Wollen wir ihn einladen?
2 | Meinst du, wir müssen ihn einladen?
3 | Wollen wir ihn per Brief, SMS oder telefonisch einladen?
4 | Hast du ihn (wie besprochen) schon eingeladen?
5 | Wir haben ihn ja eingeladen. Wie kriegen wir ihn wieder ausgeladen?
6 | Haben wir schon eine Einladung von ihm bekommen?
7 | Er hat uns ja eingeladen; wollen wir hingehen?
8 | Meinst du, wir müssen hingehen?

3 | Das Recht-bürokratisch-Klingen des (oft auch wortreicheren) Nominalstils

— Häufig sollen Texte nach dem Wunsch ihrer Verfasser klar gehoben klingen;
— leider führt dies oft zu steifen, bürokratisch klingenden, schwer verständlichen (vereinzelt sogar unfreiwillig komisch anmutenden) Formulierungen:
Es besteht im Hinblick auf Texte, welche zur Einreichung im Zusammenhang mit wichtigen Zwecken bestimmt sind, auf Seiten der Verfasser derselben bisweilen die Versuchung, sich des Pflegens eines unvorteilhaft gestelzt und blutarm anmutenden Stiles zu befleißigen. Texte für wichtige Zwecke verleiten ihre Verfasser bisweilen, anders — nämlich gedrechselter — zu formulieren, als sie es sonst tun; das bekommt ihren Texten leider oft nicht.

4 | Wenn schon Substantivieren von Verben: mit Bedacht (und eher mit –en)

— Echte Verbformen machen (fast) jeden Text lebendiger.

— Doch selbst wenn man Verben schon substantivieren will, bieten sich dafür oft zwei Möglichkeiten: mit -en oder mit -ung.

— Ich empfehle -en, weil es das Verb klarer erkennbar lässt; -ung hat häufig eine andere Bedeutungs-Nuance oder gar Bedeutung:

Verb noch
klar erkennbar
[für Aktivität daher treffender]
Wort oft (auch) anders verstanden
[deshalb für andere Bedeutung reservieren]
Verb noch
klar erkennbar
[für Aktivität daher treffender]
Wort meist/immer anders verstanden
[deshalb für andere Bedeutung reservieren]
das Verbessern — die Verbesserung
das Räumen — die Räumung
das Werben — die Werbung
das Umleiten — die Umleitung
das Streichen — die Streichung
das Heizen — die Heizung
das Bestuhlen — die Bestuhlung
das Bedienen — die Bedienung
das Polstern — die Polsterung
das Anpflanzen — die Anpflanzung
das Unterbrechen — die Unterbrechung
das Ordnen — die Ordnung
das Reiben — die Reibung
das Sitzen — die Sitzung
das Umgeben — die Umgebung
das Kuppeln — die Kupplung
das Lesen — die Lesung
das Rühren — die Rührung
das Spülen — die Spülung
das Siedeln — die Siedlung
das Lichten — die Lichtung
das Reinigen — die Reinigung
Ähnliche Wurzeln — aber (jedenfalls auch) verschiedene Bedeutungen
[deshalb für Aktivität lieber die eindeutige Verson mit –en wählen]
der Bezug — das Beziehen — die Beziehung
der Unterhalt — das Unterhalten — die Unterhaltung
der Absatz — das Absetzen — die Absetzung
die Umkleide — das Umkleiden — die Umkleidung
die Eingabe — das Eingeben — die Eingebung
der Übertrag — das Übertragen — die Übertragung
die Handhabe — das Handhaben — die Handhabung

5 | Unschönes Ganze-Wörter-durchkoppeln-Müssen

— Gelegentlich (aber nur selten!) lässt es sich nicht recht vermeiden, Wendungen zu substantivieren.
— Allerdings ist dann zu beachten:
(1) Die Wendungen müssen i. d. R. vollständig durchgekoppelt (= mit Bindestrichen verbunden) und (2) (mindestens) das erste und das letzte Wort großgeschrieben werden.
— Ein gewisses Ziemlich-steif-Aussehen lässt sich dann wohl kaum leugnen:
Ein (nicht nur) optisches In-die-Hose-Gehen von Formulierungen ist misslich.
Das Eigentlich-meist-noch-verbessert-werden-Können vieler derartiger Sätze ist eine Tatsache.
Die Vermeidung des Durch-unnötige-Bindestrichwälder-beleidigt-Werdens des Auges des Lesers ist unbedingt ratsam.

Fazit

Angesichts des Hoffentlich-klar-geworden-Seins des Gebotenseins der Vermeidung einer Häufung der Verwendung von Substantivierungen besteht die Hoffnung, dass das In-Angriff-Nehmen etwaiger Änderungen, soweit hinsichtlich solcher die Konstatierung des Bestehens einer entsprechenden Notwendigkeit zu bejahen sein sollte, in Erwägung gezogen werden kann.

  ; - )  

(c) 2013 fachlektorat dr. pasternak


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